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02.05.2015

Neu in Untersuchungen: Rudolf Steiner und der Antisemitismus


Steiners Auffassung des Judentums: jenseits von Philosemitismus und Antisemitismus

Steiner wandte sich nicht nur gegen den primitiven »Radauantisemitismus«, sondern gegen jede Form des Antisemitismus. Dies dokumentieren insbesondere seine Aufsätze für die Mitteilungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus, die für den Kampf gegen den Antisemitismus wichtigste jüdische Zeitschrift um die Jahrhundertwende, in denen er unter anderem gegen die völkischen Ikonen Adolf Bartels und Houston Stewart Chamberlain, den Verfasser der Grundlagen des 19. Jahrhunderts, Stellung bezog.

Die tiefgründigen Perspektiven, die sich aus dem esoterischen Werk nach der Jahrhundertwende für das Verständnis des Judentums gewinnen lassen, spielen in der Polemik gegen Steiner in der Regel keine Rolle. Allein die Tatsache, dass für ihn das dritte Jahrtausend nach Christus ein abrahamitisches Zeitalter ist, das zweite Jahrtausend unter der Inspiration des Moses stand und das erste unter der des Salomo, lässt sich mit der Behauptung, Steiner habe den jüdischen Geist generell als überlebt betrachtet, nicht vereinbaren.

Wohl wandte sich Steiner teilweise scharf gegen den politischen Zionismus, jedoch nicht gegen die Emanzipation oder Integration des Judentums. Seine Zionismuskritik richtete sich im Namen eines humanistischen Kosmopolitismus gegen die Verengung des Jüdischen auf das Völkisch-Nationale. Hierin ging er mit den meisten jüdischen Kritikern des Zionismus einig.

Er wandte sich nicht gegen einzelne Juden oder deren Existenzberechtigung wo auch immer. Hingegen kritisierte er in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts in einem einzigen Aufsatz überholte moralische Ideale, die seiner Ansicht nach sowohl mit dem alttestamentlichen religiösen Gesetz verbunden waren als auch mit der kantischen Pflichtethik, deren Übereinstimmung mit dem ethischen Gehalt seiner Religion das Reform-Judentum im Bemühen um Erweis seiner Modernitätkompatibilität vertrat. Steiners Kritik am Judentum vor der Jahrhundertwende ist Ideologiekritik aus der Perspektive der Aufklärung, nicht Antisemitismus.

Von den moralischen Normen des Alten Testamentes und ihrer modernistischen Umformung in einen »ethischen Monotheismus« sagte er 1888, sie seien den »abendländischen Kulturideen« nicht günstig, nahezu gleichlautend aber warf er dem römischen Papst Pius IX. im selben Jahr vor, dieser habe dem 19. Jahrhundert »die Glaubensformen des finstersten Mittelalters« aufzwingen wollen und »alle modernen Kulturerrungenschaften« abgelehnt.

Allerdings muss Steiners radikal-aufklärerische Kritik aus der Perspektive seines philosophischen Denkens jener Jahre gedeutet werden. Der heutige Leser sollte sich vor zu Fehlurteilen führenden Verallgemeinerungen hüten, charakterisierte Steiner doch nach der Jahrhundertwende das mosaische Gesetz gelegentlich als das bedeutsamste aller Gesetze, das seine Gültigkeit noch längst nicht verloren habe, ja, er brachte seine Überzeugung zum Ausdruck, dieses Gesetz sei aus »Christus« hervorgegangen und das Judentum sei vor Christi Erscheinen auf Erden im Besitz des Christus gewesen. Solche Äußerungen führen leichtfertige Unterstellungen eines Antisemitismus oder Antijudaismus bei Steiner offensichtlich ad absurdum.

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