Publikationen : Anthroposophische »Rassentheorie«-Zander Zitiert

»Anthroposophische Rassentheorie. Der Geist auf dem Weg durch die Rassengeschichte«, in: J.H. Ulbricht, Stefanie von Schnurbein (Hrsg.), »Völkische Religion und Krisen der Moderne. Entwürfe ›arteigener‹ Glaubenssysteme seit der Jahrhundertwende«, Königshausen & Neumann, 2001 Würzburg.

1. Rudolf Steiner, Anthroposophie, Religion

2. Der Fundus des 19. Jahrhunderts: Der Volksbegriff zwischen Biologie und Kultur

3. Anthroposophische Rassengeschichte

3.1 Formative Phase: 1904

3.2 Systematisierung: 1909

3.3 Komplexitätssteigerung: 1910

3.4 Popularisierung: 1923

3.5 Kontinuitäten und Transformationen: Steiners Rassentheorie zwischen 1904 und 1923

3.6 Konkretionen

3.7 Rassistische Theorie und unauffällige Praxis – Aspekte einer Bewertung

4. Rezeptionsgeschichte

5. Steiners Rassentheorien und das Begründungsproblem der Anthroposophie


Zanders Aufsatz wird nach folgenden Kategorien untersucht:

Analysekategorien

Falsche Behauptungen.

Von Zander werden Behauptungen aufgestellt, die nachweislich falsch sind oder für die er die Beweise schuldig bleibt. Dies lässt sich durch einen Vergleich mit den Quellen leicht verifizieren. Solche falschen Behauptungen können durch Zitate oder Quellenverweise belegt werden. Sie werden aber auch unabhängig von diesen aufgestellt. Wenn falsche Behauptungen durch Zitate belegt werden, stehen sie häufig in Verbindung mit falschen Zitaten oder fehlenden Belegen. Sie werden dann auch unter »falsche Zitate« aufgeführt. Dasselbe gilt für »Scheinhypothesen«, Aussagen in der Möglichkeitsform, für die keinerlei oder nur zweifelhafte Belege existieren.

Falsche Behauptungen -->

Falsche Kontexte.

Zitate oder Aussagen Steiners werden von Zander aus dem Kontext gerissen, in dem sie ursprünglich stehen und in einen anderen Kontext gestellt, in dem sie eine völlig andere Bedeutung erhalten. Dabei geht es nicht um strittige »Interpretation« oder »Deutung«, sondern um unzulässige Übertragungen in einen anderen Zusammenhang und Verallgemeinerungen von Äusserungen, die nur für einen spezifischen Kontext gültig sind. Ein Beispiel: Wenn Steiner in seinen Darstellungen über die spirituelle Entwicklung des individuellen Menschen die Bedeutung eines geistigen Lehrers betont, kann diese Aussage nicht zu einer generellen Befürwortung des »Führerprinzips« im sozialen oder politischen Leben hochstilisiert werden.

Falsche Kontexte -->

Falsche Zitate / Vermeintliche Belege.

Falsche Zitate sind Originalaussagen Steiners, die von Zander sinnentstellend wiedergegeben werden. Tippfehler werden nicht berücksichtigt, jedoch nicht gekennzeichnete Auslassungen und falsch zugeordnete Zitate. Gravierend ist zum Beispiel die Auslassung einer Negation (»nicht«), durch die eine Aussage in ihr Gegenteil verkehrt wird, oder einer Relativierung (»insofern«, »zunächst«), durch die sie ein Gewicht erhält, die ihr im Original nicht zukommt. Vermeintliche Belege sind Zitate, die eine von Zander aufgestellte Behauptung belegen sollen, in Wahrheit aber etwas ganz anderes besagen.

Falsche Zitate -->



1.

Die Verortung Steiners in der völkischen Szene, die Zander in diesem Beitrag vornimmt, ist falsch. Dieser Auffassung ist auch einer der besten Kenner dieser Szene, der Herausgeber des »Handbuchs zur Völkischen Bewegung« Uwe Puschner.

2.

Zanders Arbeit verfehlt das Thema: statt sich mit den religiösen Ansichten Steiners zu befassen (Christologie, Evangelienzyklen etc), beschäftigt er sich ausschließlich mit der angeblichen Rassenlehre Steiners.

3.

Seine Arbeit ist eine Ansammlung von Irrtümern und Halbwahrheiten. Der gravierendste Irrtum ist die Verdrehung des Urteils des nationalsozialistischen Gutachters Baeumler ins Gegenteil, die Zander inzwischen in einem privaten Schreiben zugestanden hat, das der Redaktion vorliegt.


Zander verfolgt mit seinen Publikationen zur Anthroposophie kein wissenschaftliches, sondern ein politisches oder ideologisches Ziel. Deutlich bringt er dies in seinem Beitrag zu diesem Sammelband zum Ausdruck. Seine Absicht ist, in der Anthroposophie »einen legitimationsgefährdenden Domino-Effekt« auszulösen, infolgedessen sich die Anthroposophen von Steiner erst distanzieren und dann trennen sollen. Als Keil benutzt er den »Rassismusvorwurf« gegen Steiner, den er zwischen Rudolf Steiner und die Anthroposophen treibt und auf dem er solange herumhackt, bis die Abspaltung der Anthroposophen von ihren geistigen Wurzeln erfolgt ist:

»Aber dann stellt sich die Frage um so dringlicher, warum man Steiners Aussagen in ihren rassistischen Elementen nicht als Falschmeldung außer Kraft setzt oder revidiert – zumindest aus heutiger Perspektive. Das entscheidende Problem scheint mir aus heutiger Perspektive die Furcht der Anthroposophen vor einem legitimitätsgefährdenden Domino-Effekt zu sein: Wenn ein Teil von Steiners Weltanschauung fällt, weiß niemand, was am Ende noch stehen bleibt.« (S. 340)

In seinem Hauptwerk »Anthroposophie in Deutschland« leugnet Zander, dass die Anthroposophie eine eigenständige Lehre sei und subsumiert sie daher unter »Theosophie« als »Theosophie in Deutschland«. Doch wenn es darum geht, Rassismus zu unterstellen, dann spricht er auf einmal nicht mehr von »Theosophie«, sondern von »Anthroposophie«, und das, obwohl Steiner die Begriffe der Wurzelrassen und Unterrassen aus der Theosophie erst übernommen, dann als anachronistisch kritisiert und 1909 in den anthroposophischen Begriff der Zeitalter und Kulturepochen transformiert hat.

Es ist »dringend notwendig, zu verstehen« so Steiner 1909, »dass unsere anthroposophische Bewegung eine geistige ist, die auf das Spirituelle sieht, und gerade das, was aus physischen Unterschieden herrührt, durch die Kraft der geistigen Bewegung überwindet. Es ist durchaus begreiflich, dass« die theosophische »wie jede Bewegung  ... ihre Kinderkrankheiten hat und dass man im Anfang der theosophischen Bewegung die Sache so dargestellt hat, als wenn ... die Erd[entwicklung] in sieben Zeiträume zerfiele – man nannte das Hauptrassen – und jede dieser Hauptrassen in sieben Unterrrassen; und dass alles sich so stetig wiederholen würde ... Aber man muss über die Kinderkrankheiten hinauskommen und sich klar darüber sein, dass der Rassenbegriff aufhört eine jegliche Bedeutung zu haben gerade in unserer Zeit.« (Rudolf Steiner, GA 117, 1909, Dornach 1986, S. 152 f. – Mehr zu Steiners Distanzierungen von der theosophischen Wurzelrassenlehre und vom Rassismus seiner Zeit auf anthroweb.info.)


1. Fehlerhafte Verortung im völkischen Diskurs

Steiners anthroposophische Bewegung hatte mit der völkischen Bewegung nichts zu tun. Diese Auffassung Uwe Puschners kann nur unterstrichen werden.

Steiner distanzierte sich bereits vor der Jahrhundertwende von der Völkischen Bewegung u.a. durch seine Kritik an Paulsen, Dühring und Langbehn, um 1900 durch seinen Einsatz zugunsten der Juden in Deutschland und gegen den Antisemitismus. Vom Beginn des Jahrhunderts datieren Feindschaften seitens bedeutender Vertreter der völkischen Bewegung wie Paulsen, Guido von List und Stauff. Steiner versuchte, den völkischen Mythen nach der Jahrhundertwende im Rahmen der theosophischen Bewegung einen eigenen, christlich-universalistischen, zugleich individualistischen Mythos entgegenzusetzen und definierte die von den Völkischen beanspruchte Mission des Deutschtums im Gegensatz zu diesen als friedliche geistige Durchdringung der nicht-europäischen Kulturen und Vermittlung von Ost und West.

Durch seinen Einsatz für die Dreigliederungsbewegung und die Aufdeckung der Verantwortlichkeit der preussischen militärischen Führung am I. Weltkrieg (Stichwort »Nibelungenwildheit«) machte er sich die Völkischen und Teile der Aristokratie zum Feind, die schon während des I. Weltkriegs begannen, ihn als »Vaterlandsverräter« und »Juden« zu verleumden (im »Hammer«, im »Völkischen Beobachter«, in »Auf gut deutsch«, in der »Politisch-anthropologische Monatsschrift«, in »Deutschlands Erneuerung«, im »Leuchtturm«). Steiner wandte sich Anfang der zwanziger Jahre dezidiert gegen die Dolchstoßlegende und hatte sich polemischer Angriffe Hitlers und Dietrich Eckarts zu erwehren, die ihn der Teilnahme an der »jüdischen Verschwörung« gegen Deutschland bezichtigten.

Er entlarvte bereits ein Jahr vor der Londoner »Times« die »Protokolle der Weisen von Zion« als Fälschung.

Aus dem Umkreis des südbayrischen Gemanenordens und des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes wurde in München 1922 ein Attentat auf ihn versucht. Steiner betrachtete den Blutmythos der Völkischen als verhängnisvoll, weil es auf das Gegenteil ankomme, nämlich die Befreiung des einzelnen Menschen aus der Abhängigkeit von Vererbung und Blutsverwandtschaft. Eine ganze Reihe von Juden gehörten zu seinen engsten Schülern und Mitarbeitern, was Eckart im Anschluß an Karl Rohm dazu veranlaßte, Steiners Gesellschaft als »Judengesellschaft« zu bezeichnen. Diese jüdischen Schüler Steiners verteidigten ihn ab 1919 gegen die Angriffe von völkischer Seite und antisemitische Unterstellungen.

Wenn man Steiners Vortragswerk von dessen zentralem Topos, dem Emanzipationsgedanken her liest, erscheinen auch seine Bezugnahmen auf die Rassenanschauungen seiner Zeit und die theosophische Tradition in einem anderen Licht, ganz abgesehen davon, daß Steiner bei seinen Ausführungen über Rassen stets bestrebt war, gegenüber seinen Zuhörern hervorzuheben, daß das Rassenparadigma auf die Gegenwart, ja, wie er zu sagen pflegte, auf die »nachatlantische Zeit« nicht mehr anwendbar sei. Im Gegensatz zu Disraeli, Gobineau und zeitgenössischen Rassentheoretikern wie Fritsch usw., war die Weltgeschichte aus Steiners Sicht keine Geschichte der Rassenkämpfe, sondern eine Geschichte des Geistes. Zanders Darstellung vermittelt durch die tendenziöse Auswahl den Eindruck, als wenn der Begriff der Rassen der zentrale Topos im Werk Steiners gewesen wäre, was völlig abwegig ist, zumal er seine Behandlung der anthropologischen Differenzierung stets in Ausführungen über den Entwicklungsweg der Menschheit einbettete, wonach das Wesentliche am Menschen nicht in dessen Leib und der Vererbung von körperlichen Eigenschaften, sondern in dessen seelisch-geistigem Wesen liege.

Den zeitgenössischen Blutmythos der völkischen und nationalsozialistischen Bewegung lehnte Steiner ebenso radikal ab, wie die Vergötzung des Staates oder die Diktatur des Proletariats. Wenn er auf die zeitgenössische Anthropologie oder auf die Rassenmythologie der Blavatsky bezug nahm, dann stets unter dem Aspekt, daß jede somatische Differenz eine Vereinseitigung des Humanums darstelle, während der Mensch als Individualität zur Allmenschlichkeit veranlagt sei. Seiner Ansicht nach sind die Variationen des menschlichen Phänotypus in einem weit zurückliegenden erdgeschichtlichen Zeitraum entstanden, während die Entwicklung der letzten zehntausend Jahre eine reine Kulturentwicklung war. Steiners Vermutungen über den Wanderungsweg der Menschheit und die Orte des Erwerbs differentieller somatischer Anpassungen seit ihrem Hervortreten in Afrika wurden übrigens durch das »Human Genom Project« vollauf bestätigt.

Die negativ-selektive Behandlung des Rassenthemas durch Zander in Schnurbein/Ulbricht, die nicht nur eine Fülle von Distanzierungen Steiners vom Rassismus unter den Tisch fallen, sondern auch den systematischen Ort seiner Ausführungen über Rassen in völlig schiefem Licht erscheinen läßt, erweckt den Eindruck, Steiner sei vor allem eines gewesen: ein Rassentheoretiker. Durch die von Zander vorgenommene Selektion erhält der Leser eine völlig verzerrte Perspektive auf das Werk Steiners und seine in Wahrheit einzig konstitutive, »universalistische Seite« wird schlicht ausgeblendet.

Natürlich gibt es bei Steiner Ausführungen über die Entstehung der somatischen Differenzen innerhalb der einen Menschheit. Steiner hat bekanntlich kaum irgendein Thema seiner Zeit ausgelassen. Sein Projekt einer Anthroposophie als Synthese der empirischen und der mystischen Erkenntnisform zielt auf Vollständigkeit, die faktisch nie erreichbar ist. Es wäre mehr als verwunderlich, wenn Steiner das damals herrschende Evolutionsthema und den ubiquitären Rassendiskurs ignoriert hätte. Er hatte in seiner Kosmogonie oder Anthropogonie sowohl die Geschichte des Leibes als auch die Geschichte der Seele und des Geistes zu reformulieren.

Man kann Steiners Ansichten über die Entstehung der Rassen aber nicht als »konstitutiv« für was auch immer bezeichnen, denn sie konstituieren nicht die Anthroposophie. Sie stellen vielmehr Versuche dar, die damals herrschenden (rassen-)anthropologischen Lehrmeinungen (Haeckel u.a.) im Kontext eines spirituellen Weltbildes zu relativieren bzw. aufzulösen. Steiners Evolutionstheorie läßt sich auf die einfache Formel bringen:

Aus dem universellen Geist geht die menschliche Leiblichkeit als Entäußerungsform dieses Geistes hervor (Ende Lemuria und Atlantis), die Formwerdung des Leibes setzt die Seele frei, was zur Entfaltung der Menschheit als Seelenorganismus führt (in der nachatlantischen Zeit) und über beide hinaus trägt die geistige Entwicklung der Menschheit als respiritualisierende Arbeit der Individualitäten an Seele und Leib. Das ist, etwas metamorphosiert, doch nichts anderes als der heilsgeschichtliche Dreischritt des Christentums.

Es gibt keine Äußerungen Steiners wie z.B. die von Gobineau, daß die »Weltgeschichte Rassengeschichte« sei, oder von Disraeli, daß »alles Rasse« sei usw. Wenn die Rasse zum universalen Deutungsprinzip der Geschichte oder zum alleinigen gesellschaftlichen Gestaltungsprinzip erhoben wird, kann man ohne Zweifel anfangen von Rassismus zu sprechen – Steiner tut dies nirgends. Man findet bei Steiner auch nicht andere, für den Rassismus konstitutive Topoi, wie etwa die Befürwortung der Rassenhygiene, der Reinhaltung des Blutes, der »notwendigen« Gliederung der Gesellschaft nach Rassenzugehörigkeit usw.

Das führt auf das systematische Problem der Gewichtung von Teilen aus dem Steinerwerk: Schriften, Vorträge unterschiedlicher Kategorien etc., das Zander nicht einmal berührt. Seine Auseinandersetzung mit dem corpus steinerianum entbehrt jeglicher hermeneutisch-methodischer Selbstreflexion. Weder in Steiners wenigen Definitionen der Anthroposophie (z. B. 1909 »Unter Anthroposophie verstehe ich eine wissenschaftliche Erforschung der geistigen Welt ...« GA 35, S. 66; oder »Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg ... «, GA 26, 1924), noch in seinen grundlegenden schriftlichen Darstellungen taucht das Rassenkonzept überhaupt auf.

Weder Steiners »Theosophie« von 1904, noch »Die Geheimwissenschaft im Umriß«, die nach seiner Auffassung »der Umriß einer Anthroposophie als eines Ganzen« sein soll, enthalten eine sogenannte Rassenlehre. Steiners Auseinandersetzung mit dem zeitgenössischen Rassendiskurs verläuft nahezu vollständig in seinen Vorträgen, mit einer einzigen Ausnahme: dem Aufsatz »Unsere atlantischen Vorfahren« von 1904 (nach seinem Tod in GA 11 »Aus der Akasha-Chronik« veröffentlicht). Wenn man bedenkt, daß in seinem Vortragswerk, das er selbst gar nicht einer Veröffentlichung zugedacht hat, die Mitgliedschaft an der Ausgestaltung der Anthroposophie »mitwirkte«, kann man nicht umhin, die situativ-gesellschaftliche Dimension der Themenstellungen zu berücksichtigen. Zanders Auseinandersetzung mit Steiners Werk leidet an einer vollständigen Ausklammerung dieses hermeneutischen Problems, das sich in die Frage zusammenfassen läßt:

Welchen Stellenwert und welche Bedeutung haben die verschiedenen Textsorten im corpus steinerianum, ihre unterschiedliche Überlieferungsqualität sowie ihre jeweiligen Entstehungsbedingungen für das Verständnis der Anthroposophie?

Was den Aufsatz über die atlantischen Vorfahren anbetrifft, so weist er das Rassenthema ausdrücklich der atlantischen Zeit zu und nicht etwa der »nach-atlantischen« Zeit oder unserer Gegenwart. In den Kapiteln der »Akasha-Chronik«, die sich mit der nachatlantischen Zeit befassen, findet sich hingegen die früheste Distanzierung vom Rassenschematismus Sinnets, von dem sich Steiner nicht etwa erst 1910 abgesetzt hat, wie Zander in seinem Aufsatz behauptet (S. 300, Anm. 17), sondern bereits 1906, als der betreffende Text das erste Mal in der Zeitschrift »Luzifer-Gnosis« erschien, ganz abgesehen von ganz frühen schriftlichen Äußerungen, bezüglich des konstitutiven Verständnisses der Theo-Anthroposophie, die nichts zu wünschen übrig lassen, wie zum Beispiel die Bemerkungen von 1903:

»Der oberste Grundsatz der Theosophischen Gesellschaft ist: »den Kern einer brüderlichen Gemeinschaft zu bilden, die sich über die ganze Menschheit, ohne Unterschied der Rasse, der Religion, der Gesellschaftsklasse, der Nationalität und des Geschlechts erstreckt.« Dies ist sogar der einzige Grundsatz, der für die Mitglieder dieser Gesellschaft als verbindlich betrachtet wird. Alle übrigen Bestrebungen sollen ja nur Mittel zu dem großen Ziele sein, das in dieser wesentlichen Forderung ausgesprochen wird.« (GA 34, S. 433, »Theosophie und Sozialismus«, ursprünglich in: Zeitschrift »Luzifer«, 10./11.1903).

Diese Bemerkungen beziehen sich auf den Begriff der Theosophie und sind konstitutiv für das Verständnis, das Steiner von diesem Begriff hatte. »Arbeiter«vorträge von 1923 kann man nicht als grundlegend für Steiners Verständnis der Anthroposophie heranziehen, da sich in ihnen noch mehr die Bewußtseinsverfassung und die Bildungsvoraussetzungen der Zuhörer widerspiegeln, als in allen anderen Vorträgen Steiners.

Von systematischer Bedeutung ist außerdem eine andere frühe – schriftliche – Darstellung Steiners: die Beschreibung der Geburt des höheren Menschen in Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten von 1905, in der ein zentraler Aspekt die Herauslösung des »höheren Ich« aus der Verstrickung nicht nur in »Instinkte, Triebe, Begierden, egoistische Wünsche, in alle Formen des Eigennutzes« ist, sondern auch die Überwindung jener Eigenschaften, die dem Menschen aufgrund seiner Zugehörigkeit »zu einer Rasse, einem Volk usw.« anhaften. Denn »Völker und Rassen« – so Steiner 1905 – »sind nur die verschiedenen Entwicklungsstufen zur reinen Menschheit hin«. (S. 209)

Kurz und gut: es gibt keine einzige Äußerung Steiners zum Begriff der Anthroposophie, in der er von einer für diese »konstitutiven Rassenlehre« gesprochen hätte. Dagegen wird nach Steiners Selbstverständnis die Anthroposophie durch seine philosophischen Untersuchungen zu Erkenntnis und Freiheit konstituiert, was man Dutzenden von fundamentalen Selbstpositionierungen Steiners entnehmen kann.

Dagegen behauptet Zander in seinem Aufsatz in Schnurbein/Ulbricht, Steiner trage das »Prädikat rassistisch zu Recht« (S. 323), wenn er nicht gar von Steiners »Rassismus« oder in der Mehrzahl von »Rassismen« (S. 298, Anm.) spricht.

Dabei ignoriert er geschriebene Sätze Steiners wie die folgenden, denen ein höherer systematischer Stellenwert zukommt, als gesprochenen Worten:

»Das Streben nach Toleranz, nach allgemeiner Menschenliebe: diese waren immer die Kräfte, aus denen die großen Fortschritte der Menschheit hervorgegangen sind. Was einzelne Kulturbewegungen anstreben, das will die theosophische Strömung zu einer großen Einheit bilden. Sie will die Engherzigkeit, die Unduldsamkeit überwinden. Denn nur im vereinten Streben kann die Menschheit heute erreichen, was ihr Ziel ist.« (GA 34, »Von der theosophischen Arbeit«, ursprünglich in: Zeitschrift »Luzifer«, Juni 1903, S. 543.)

Aber auch in Steiners Vorträgen finden sich eine Fülle ähnlich lautender Aussagen:

»... wir können begreifen, daß wir in der Zukunft durch andere Epochen zu gehen haben, daß wir andere Wege zu gehen haben, als die Rasse sie machte. Wir müssen uns klar darüber sein, daß Seelen- und Rassenentwickelung unterschiedlich sind. [...] so begreifen wir auch den Grundsatz, den Kern einer allgemeinen Bruderschaft zu begründen ohne Rücksicht auf Rasse, Farbe, Stand und so weiter.« (GA 54, Die Welträtsel und die Anthroposophie, 9.11.1905, S. 153/4.)

oder:

»Wir leben im Zeitraum der Kulturepochen. Die Atlantis war der Zeitraum, wo sich nach und nach sieben aufeinanderfolgende große Rassen bildeten. Natürlich, die Früchte dieser Rassenbildung ragen herein auch in unser Zeitalter, daher spricht man auch heute noch von Rassen. Das sind aber schon Verwischungen jener scharfen Trennungen in der atlantischen Zeit. Heute hat schon der Kulturbegriff den Rassenbegriff abgelöst. Daher sprechen wir von der alten indischen Kultur, von welcher die Kultur, die uns in den Veden angekündigt wird, nur ein Nachklang ist. Die uralt-heilige indische Kultur ist die erste Morgenröte der nachatlantischen Kultur, sie folgt unmittelbar auf die atlantische Zeit.« (GA 104/S. 69, Die Apokalypse des Johannes 1908)

Was den angeblichen Antijudaismus oder Antisemitismus betrifft, so sei auf die Studie »Rassenideale sind der Niedergang der Menschheit« verwiesen (erhältlich beim Verlag Freies Geistesleben), die es seit März 2001 gibt und die von einem Rabbiner wie folgt beurteilt wird: »Die Studie kann als wirklich tiefschürfend und fundiert bezeichnet werden. Sie widerlegt kompromisslos die völlig unhaltbaren Anschuldigungen über den angeblichen Antisemitismus der Anthroposophie.«

Eine Fülle von Texten Steiners aus der Gesamtausgabe, die die Kontinuität seiner Distanzierungen von jeglicher Form des Rassismus sowie die Permanenz seiner Hinweise auf die Notwendigkeit der Überwindung ebendieses Rassismus bezeugen, findet sich unter:

Die Überwindung des Rassismus durch die Anthroposophie

Zum Kampf der völkischen und nationalsozialistischen Bewegung gegen Steiner und die Anthroposophie siehe:

Die Anthroposophie im völkischen Diskurs

und die Quellensammlung

Die völkisch-nationalsozialistische Gegnerschaft gegen die Anthroposophie – Dokumente und Quellen


2. Themaverfehlung

Die von Zander vorgetragene Auseinandersetzung mit Steiners Werk ist einseitig und irreleitend. Gewinnt man doch den Eindruck, Steiner sei vor allem ein Rassentheoretiker gewesen, während in Wahrheit sein ganzes Lebenswerk darauf abzielte, den zu seiner Zeit grassierenden Rassismus zu überwinden. Die für Steiners Anthroposophie zentrale religiöse Thematik, seine Christologie, die er zwischen 1902 und 1925 in einer Fülle von Werken entfaltete, seine Evangelieninterpretationen sowie seine Forschungen die unter dem Stichwort »das fünfte Evangelium« firmieren, kommen in Zanders Beitrag überhaupt nicht vor. Zander hat schlichtweg das Thema verfehlt.

Die christozentrische Kosmophilosophie Steiners sieht im Opfer des Sohnesgottes die göttliche Tat, die den Menschen zu seiner individuellen Selbstbestimmung, zur Freiheit und Liebe befähigt. Das Christusereignis ist für Steiner das Zentralereignis der Geschichte und gibt der menschlichen Existenz erst ihren Sinn: den der Befähigung zur Selbstschöpfung des individuellen Lebenssinnes.

Ein wesentlicher Aspekt des Christusopfers ist die Befreiung des Einzelnen aus den Bluts- und Abstammungszusammenhängen, die Steiner z.B. in seiner Interpretation der Hochzeit von Kanaa und unter dem Generaltitel von der »Nah- zur Fernehe« vorträgt. Christus ist für Steiner kein »völkischer Religionsstifter«, sondern ein »Menschheitsgott«. Seiner für das erste Goetheanum geschaffenen Christusstatue gibt er den Namen »der Menschheitsrepräsentant«. Die zentrale Bedeutung des Christusthemas für Steiners Anthroposophie wäre für die Frage der Religiosität Steiners unbedingt zu behandeln gewesen. Zander hätte an die in dieser Beziehung durchaus lesenswerte Arbeit des evangelischen Theologen Klaus von Stieglitz »Die Christosophie Rudolf Steiners« von 1955 anknüpfen können, ganz abgesehen von der spezifisch anthroposophischen Sekundärliteratur.

Zander vermeidet auch jede ernsthafte hermeneutische Würdigung des Begründungshorizonts der Anthroposophie sowie der spezifischen Inhalte der »übersinnlichen Erkenntnis«, die sich nicht einfach durch die fragwürdige Konstruktion einer »Innen«- und einer »Aussenperspektive« ausklammern lassen. Als katholischer Theologe würde er es vermutlich als Zumutung empfinden, wenn man die fundamentalen Dogmen des katholischen Christentums wie etwa die Gottessohnschaft Christi oder die Auferstehung in einer Diskussion über dasselbe mit dem Hinweis auf ihre »wissenschaftliche Überholtheit« einfach ausklammern würde, um das Christentum lediglich als historisch-politisch wirksam gewordene, irrationale Ideologie einer jüdischen Sekte zu interpretieren. Da der Reinkarnationsgedanke wie auch die Existenz der Engelshierarchien für Steiners Anthroposophie fundamental ist, können diese in der Auseinandersetzung mit Steiners Werk nicht einfach ausgeklammert werden, um Restbestände von Steinerzitaten einer rationalistisch-kritischen Aussenperspektive zu unterwerfen, die von Zander nicht nur in eine normative Gültigkeit erhoben wird, die sie aufgrund ihres Selbstverständnisses gar nicht beansprucht, sondern auch noch völlig willkürlich gewählt wird. Abgesehen davon, daß die von Steiner gemeinte Geisteswissenschaft sich auf andere Gegenstandsbereiche bezieht, als die von Zander normativ herangezogenen Naturwissenschaften, ist die Erkenntnisströmung der Naturwissenschaften auch keineswegs die einzig mögliche Aussenperspektive. Warum hat Zander als »Aussenperspektive« z.B. nicht andere esoterische Strömungen, den Chassidismus oder den tibetischen Buddhismus gewählt oder die mystischen Strömungen des Christentums? Wie will Zander die substantiellen Wahrheiten des Christentums gegen die Anmaßungen des naturwissenschaftlichen Atheismus verteidigen, wenn er sich mit seiner Kritik am Erkenntnisanspruch der Anthroposophie ganz auf den Boden der naturwissenschaftlich verengten Auffassung von Empirie stellt? Indem er den jeweiligen Stand bestimmter naturwissenschaftlicher Disziplinen kritiklos zur absoluten Norm erhebt, entzieht er der Theologie selbst den Boden. Wenn man die Geschichte des Christentums überblickt, dann steht Steiner, was z.B. seine Hierarchienlehre anbetrifft, dieser Tradition viel näher, als konfessionelle Differentialdiagnostiker glauben machen möchten.


3. Historische und sachliche Irrtümer

Der Beitrag Zanders in Schnurbein/Ulbricht zeugt nicht von einem ernsthaften Bemühen um ein Verständnis der Anthroposophie, sondern davon, daß er nach jedem Argument greift, das es ihm erlaubt, Steiner in ein schiefes Licht zu rücken.

Hier seien nur beispielhaft die gröbsten Irrtümer genannt. So behauptet Zander, Steiner habe die Übernahme des Präsidentenamtes der TG durch Besant »nur schwer ertragen«, was zu der »Komplexitätssteigerung« seiner Rassentheorie von 1910 geführt habe (S. 307). Diese kontrafaktische ad-hoc-Hypothese, die sich durch keinerlei Zeugnisse belegen läßt, ist nur eine von vielen schwindelhaften Hypothesen Zanders. Ein Blick auf Steiners Verhalten sowie seine veröffentlichten Äusserungen in der ganzen Besant-Affäre, die tatsächlich eine Affäre war, zeigt vielmehr, daß er der Kandidatur Besants vorbehaltlos zustimmte und Besant auch, solange es irgend ging, trotz all der Absurditäten, die sie sich als Präsidentin der Adyar-TG leistete, öffentlich unterstützte.

Zander widerspricht sich auch selbst. Er behauptet, zwischen 1904 und 1910 hätten sich die Rassen bei Steiner von 3 auf 5 vermehrt. Schon in der Darstellung Steiners von 1904 bevölkerten sieben »Rassen« die Atlantis, wie ja auch aus Zanders Schema auf S. 297 hervorgeht. Das Schema blendet allerdings wieder völlig aus, daß Steiner die Nichtanwendbarkeit des Rassenbegriffs (Unterrassen) auf die nachatlantische Zeit spätestens ab 1908 permanent betont hat.

Besonders fatal ist jedoch die Auseinandersetzung mit dem NS-Komplex. Zander zitiert zwar Goodrick-Clarkes Arbeit (»Occult Roots of Nazism: Secret Aryan Cults and Their Influence on Nazi Ideology«), läßt sich aber von mangelnder Quellenkenntnis zur Behauptung verleiten, in der »Ostara« tauchten 1908 Steiners Vorstellungen auf, was nur darauf zurückzuführen sein kann, daß er Harald Grävells Pamphlet »Das Ariertum und seine Feinde« nicht gelesen hat. Steiner betrachtete Grävell, der Mitglied der TG und der Guido von List Gesellschaft war, als jemanden, der der von ihm geleisteten theosophischen Arbeit Schaden zufüge, was sich dokumentieren läßt. Es konnte dagegen bis heute nicht nachgewiesen werden, ob Hitler auch nur ein einziges Ostaraheft gelesen hat (siehe B. Hamann, Hitlers Wien: Lehrjahre eines Diktators). Daß Eckart Ideen Steiners an Hitler vermittelt haben könnte, ist geradezu absurd, wenn man bedenkt, daß er spätestens seit 1919 zu den schärfsten Gegnern Steiners und der Anthroposophie gehörte, was man in »Auf gut deutsch« nachlesen kann.

In diesem Teil seines Aufsatzes unterläuft Zander schließlich ein gravierender Fehler. Auf S. 329 spricht er von der Nähe zwischen NS und Anthroposophie. Er zitiert aus einem Baeumler-Gutachten von Ende 1937, das Leschinsky veröffentlicht hat (»Neue Sammlung« 1983, S. 279 f.), verwechselt aber dieses Gutachten Baeumlers von Ende 1937 mit einem zweiten, das Baeumler Ende Oktober 1938 verfasste, das von Uwe Werner (Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus: (1933-1945) veröffentlicht wurde (Werner, S. 394 f.). Dabei räsonniert er in einer Anmerkung noch darüber, daß die von ihm zitierte Passage in Uwe Werners Abdruck fehle.

Der Grund für diese allerdings gravierenden Irrtümer liegt darin, dass Zander sich auf die Publikation zweier Hobbypamphletisten stützte, die in ihrem »Schwarzbuch« über Anthroposophie das Zitat bewusst verfälscht wiedergegeben hatten. Zander überprüfte seinerseits entweder die von Leschinsky veröffentlichte Quelle nicht, oder gab das Zitat wider besseres Wissen verfälscht wieder.

Aus dem Baeumler-Gutachten zieht Zander den Satz aus:

»Insofern Rasse eine Naturwirklichkeit ist, scheint schon im Ansatzpunkt eine wesentliche Übereinstimmung zwischen der Menschenkunde des Nationalsozialismus und der Rudolf Steiners vorzuliegen.«

Die ganze Passage im von Leschinsky veröffentlichten Gutachten lautet jedoch:

»Die nationalsozialistische Menschenkunde kann nur von der Rasse her entworfen werden. Insofern Rasse eine Naturwirklichkeit ist, scheint schon im Ansatzpunkt eine wesentliche Übereinstimmung zwischen der Menschenkunde des Nationalsozialismus und der Rudolf Steiners vorzuliegen. Denn Steiner geht ja von den bildenden Kräften der wirkenden Natur aus und gründet die Schulerziehung auf die Entwicklung der natürlichen Kräfte. Insofern könnte man seine Pädagogik »biologisch« fundiert nennen.

Würde man jedoch versuchen, den Begriff der Rasse in unserem Sinne in diese biologische Fundierung einzuführen, dann würde er die Menschenkunde Steiners zersprengen. Denn der Nationalsozialismus geht zwar von der Wirklichkeit des Blutes aus, aber zugleich auch von den Unterschieden, die zwischen Menschengruppen verschiedenen Blutes bestehen ... Zu diesem von der Erkenntnis der rassischen Wirklichkeit geleiteten geschichtlichen Denken gibt es von der Menschenkunde Steiners her keinen Zugang. Der Platz, den in unserem Weltbilde der von rassischen Kräften bestimmte geschichtlich gestaltende Mensch einnimmt, ist in der Weltanschauung Rudolf Steiners besetzt durch den über aller Geschichte thronenden Geistesmenschen.«

Besser kann man die Unvereinbarkeit zwischen NS-Rassismus und Anthroposophie kaum mehr ausdrücken.

Zander hat in einem privaten Schreiben, das der Redaktion vorliegt, einige seiner gröbsten Irrtümer zugestanden: »Ihre sachlichen Richtigstellungen (Ostara, Baeumler-Gutachten) akzeptiere ich selbstverständlich.« Allerdings hat er diese Richtigstellungen bisher nirgends veröffentlicht. Stattdessen schickte er noch im Jahr 2007 aus Anlass eines Prüfverfahrens zu zwei Bänden der Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe, das durch eine Anzeige »besorgter Bürger« zustandegekommen war, der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften unaufgefordert Kopien seines Aufsatzes von 2001 zu, der in Bezug auf die Einschätzung der Anthroposophie durch Baeumler das Gegenteil der Wahrheit enthält.